Ein „vergessener Schatz“ im Kirchturm der evangelischen Kirche zu Vienenburg
Am 01.12.2006 wollten einige Mitglieder des evang. Männerkreises die alljährliche „Glühbirnenaustauschaktion“ unserer vorweihnachtlichen Turmbeleuchtung ausführen. Beim Abstieg vom Turm kamen wir unterhalb der Glockenstube an einem unscheinbaren, unansehnlichen Bretterverschlag vorbei. Auf meine Frage, was sich darin eigentlich verberge, antwortete Ewald Kutra: „Darin befindet sich unser altes Turmuhrenwerk“. Nun neugierig geworden, räumten wir den Eingang des alten Bretterverschlags frei, steckten die demontierte Türklinke auf und knarrend öffnete sich die klapprige Tür. Was wir nun sahen, kann man nur „als einen lange Zeit vergessenen Schatz“ bezeichnen. Unser Blick fiel auf ein altes Turmuhrenwerk der Firma J.F. Weule aus Bockenem aus dem Jahre 1886. Wer wie ich noch nie ein Turmuhrenwerk aus dieser Nähe gesehen hat, musste einfach begeistert von diesem Anblick sein. Das alte Turmuhrenwerk sah so wunderbar und neu aus, als sei es noch immer in Betrieb. Von der schwarzen Grundfarbe heben sich goldfarben abgesetzt die riesigen Zahnräder, einige Zierbereiche und die Inschrift J.F. WEULE BOCKENEM 1886 ab. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass dieses Wunderwerk der Technik bereits 120 Jahre alt ist und eigentlich bei Bedarf immer noch funktionsfähig wäre. Unsere moderne Zeit hat es leider überflüssig gemacht. Nachdem ich einige Fotos gemacht hatte, verschlossen wir die Tür wieder und stiegen vom Turm ab. Das wiedergefundene alte Turmuhrenwerk ließ mich auch zu Hause keine Ruhe finden. Neugierig geworden, begann ich einige Recherchen über die Fa. Weule aus Bockenem und unser Vienenburger Turmuhrenwerk anzustellen.
Johann Friedrich Weule, der Firmengründer der „Turmuhrenfabrik und Glockengießerei J.F. Weule – Bockenem – Harz“ lebte von 1811 bis 1897. In den Jahren von 1826 bis 1954 lieferte diese Firma von Weltruf Turmuhren und Glockenspiele in alle 5 Kontinente der Erde. Die meisten sind bis heute funktionsfähig. In ihrer Blütezeit beschäftigte die Fa. Weule bis 84 Uhrmacher, Schlosser, Schmiede und Gießer. Was war nun das Bahnbrechende an den Turmuhrenwerken von J.F. Weule? Das Zeitalter der mechanischen Uhren begann um ca. 1300. Aus dem Jahre 1336 gibt es die erste schriftliche Nachricht vom Einbau einer öffentlichen mechanischen Uhr in Mailand. Diese ersten mechanischen Uhren waren noch relativ primitiv und die Zeitmessung sehr ungenau.
Die Uhren mussten täglich von Uhren-wärtern aufgezogen werden und die Zeiten mussten oft nachkorrigiert werden. Ganz Deutschland und die Welt hatten schon Turmuhren, als Johann Friedrich Weule seine Turmuhrenfabrik gründete. Seine Erfindung und der Einbau eines verlässlichen wöchentlichen Aufzugs in seine Turmuhrenwerke anstatt eines täglichen Aufzugs verschafften seiner Firma in kurzer Zeit Weltruf. Solch ein weltberühmtes Turmuhrenwerk schlummert auch in unserem Vienenburger Kirchturm.
In unserer schnelllebigen Zeit geraten solche technischen Wunderwerke viel zu schnell in Vergessenheit. Vielleicht kann ich ein kleinwenig dazu beitragen, dass unsere heutigen Vienenburger Gemeindemitglieder erfahren, was sich für ein „alter Schatz“ in ihrer Kirche verbirgt.
Reinhard Vogs
KV-Mitglied







