Der Kanzelaltar ist eine Neuschöpfung der protestantischen Kirchenbaukunst in der Barockzeit. Nach dem Dreißigjährigen Krieg und der nun endgültig erscheinenden konfessionellen Spaltung Deutschlands entstand der Wunsch nach einer eigenen, dem protestantischen Gottesdienst gemäßen Kirchenbaukunst. Bei neuen Kirchenbauten wurde vielfach die einfache Form der mit Emporen (Priechen) versehenen Saalkirche bevorzugt. Wesentlich war dabei die Ausrichtung auf die Verkündigung.

Leonhard Christoph Sturm, Begründer der klassisch protestantischen Kirchenbautheorie, stellte in seinen Grundsätzen für den evangelischen Kirchenbau (1717/1719) die Forderung nach gutem Hören der Predigt und der freien Sicht auf den Prediger heraus:

Es ist gewiss, dass es viel zum verstehen und viel zu innerlichen Bewegung hilft, wenn man den Redenden auch siehet.

Die Predigt erschien ihm als allervornehmstes Stück des Gottesdienstes. Er sprach damit das aus, was seine Zeitgenossen dachten und in den Bauten der Zeit bereits praktische Formen angenommen hatte.

Kanzel und Altar wurden nun aus praktischen und theologischen Gründen in der Achse des Kirchenraums aufgestellt. Es entstand der Kanzelaltar als feste Verbindung von Kanzel und Altar in einheitlicher Konstruktion und Komposition. Die Kanzelwand bildete dabei den Platz für das protestantische Bildprogramm. Neben den Skulpturen und Bildern sind auch Säulen und Ornamente Ausdruck für die Bedeutung von Wort und Sakrament (Heiliges Abendmahl) als Mitte des gottesdienstlichen Geschehens, das als Einbruch des Himmels in die Erdenwelt verstanden wird. Bezeichnend für die damalige Sicht ein Gedicht, das zur Einweihung des Kanzelaltars in Großenhain 1756 verfasst wurde:

Zwey Höhen bahnen dir ein höchst vergnügtes Leben.
Da Canzel und Altar, mein werthgeschätztes Hayn,
Den HERRN der Herrlichkeit dir zu geniessen geben:
Dort meldet er sich an; hier kehrt er bey dir ein.
GOTT lässt vom Predigtstuhl dich seine Weißheit lehren.
Und bietet dir sich selbst auf offner Tafel an.
Bedencke, dass Er dir nichts heilsamers verehren,
Und nichts erfreulichers auf Erden gönnen kann.

Ein weiteres Element in dieser Betonung der Gleichstellung von Wort und Sakrament war der Ort der Taufe in jener Zeit. Größere Taufen fanden vor dem Altar statt. Statt vom Taufstein wurde aus Becken vom Altar aus getauft und vielfach- wie auch in unserer Kirche wurden eigens an der Decke hängende Taufegel gefertigt, die die Schale für das Taufwasser in der Hand heilten und zu den Taufen im Raum vor dem Altar hinuntergezogen wurden. Eine Verordnung des Wolfenbüttler Konsistoriums verbot 1846 die Taufengel. Und auch der Kanzelaltar verlor im Laufe des 19. Jahrhunderts in der Zeit der Restauration und der Neogotik seine Bedeutung.

(Gerhard Brinkmann, Pfarrer)